Hallo zusammen,

November 8, 2006 von edelkirsche

endlich mal wieder Neuigkeiten aus Guatemala? – Ja, und zwar jede Menge:

Ich hatte eine gute Woche lang zwei deutsche Freiwillige zu betreuen, die auch Gäste in meinem Haus waren. Das heißt, dass nach der Arbeit nicht viel Zeit blieb, um mails oder den blog zu schreiben, weil wir abends immer ordentlich einkaufen gegangen sind und danach großes Kochen anstand. Pizza, Eierkuchen, aber vor allem platanos, mein neues Lieblingsessen. Platanos sind Kochbananen, die man mit Zimt eine halbe Stunde in Wasser kocht, bis sie richtig weich sind. Erst dann werden sie geschält und in Scheiben geschnitten, mit Zucker, Zimt und Crema, einer Mischung aus Schmand und Sahne, bedeckt. Supersüß und superlecker.

Am Wochenende, 28. 10, hatten wir außerdem Veranstaltung im Projekt, das letzte Zusammentreffen aller Stipendiaten vor den Ferien. Bis Januar gibt es nun keine Bildungsveranstaltungen mehr, dennoch ist an einigen Wochenenden noch gut was los. Nächstes Wochenende zum Beispiel ist das Auswahlverfahren für die Bewerber, insgesamt ungefähr dreißig auf ca. zehn Plätze. Es gibt Diskussionsrunden, Gruppenspiele, Besinnliches, Auswahlgespräche, gemütliches Beisammensein und eine Messe. In diesen zwei Tagen nehmen wir die Jugendlichen – die meisten bewerben sich für eine Förderung ihres Abiturs und sind etwa 17 Jahre alt, die Bewerber für die Uni um die 20 – unter die Lupe, schauen, wie sie sich in der Gruppe verhalten, ob sie teamfähig sind, soziale Kompetenzen haben, zusammen Konflikte lösen können. In den Auswahlgesprächen, die immer ein Mitarbeiter oder Vorstandsmitglied des Projekts mit zwei Jugendlichen durchführt, gibt es verschiedene Themenbereiche, zu denen wir mit den Jugendlichen diskutieren wollen. Dazu gehören Politik, Gesellschaft, Religion und Spiritualität und soziales Verantwortungsbewußtsein. Ich bin sehr stolz, dass ich auch Auswahlgespräche führen darf. Jeder Jugendliche hat Gespräche mit zwei Mitarbeitern des Projekt, damit ein subjektiver Eindruck nicht allein entscheidet. Außerdem wird das Gesamtverhalten der Bewerber während des ganzen Wochenendes berücksichtigt. Ich bin jedenfalls schon sehr aufgeregt und mitten in den Vorbereitungen. Gerade sitze ich in meiner Küche und höre nebenbei eine Kassette mit Taizé-Gesängen für das Abendgebet. Außerdem bin ich am Förderanträge schreiben, damit wir für das nächste Jahr finanzielle Unterstützung für das Bildungsprogramm haben. Zwischendurch bin ich immer wieder mal am Besorgungen machen, weil wir bald Schmuck und andere typisch guatemaltekische Sachen nach Deutschland für die Weihnachtsbasare verschicken. Mein Arbeitstag fängt um kurz nach 7 Uhr an und hört in den letzten Tagen schon 17:15 auf, weil mich dann meine Chefin ein Stück mitnimmt und mich an einem großen Busumsteigeplatz aussteigen lässt. Denn durch die Uhrumstellung wird es jetzt schon früher dunkel und es ist ratsam, nach 18:00 Uhr nicht mehr mit dem Bus zu fahren. Das heisst, dass sich meine Arbeitswoche teils auch auf den Sonntag ausdehnt oder ich die Nächte im Projekt verbringe, um länger arbeiten zu können.

Aber meine Ferien sind in Sicht: am 14. Dezember lasse ich das Projekt Projekt sein und genieße die Zeit mit Matthias. Bis dahin heißt es durchpowern und für euch: nicht böse sein, dass ich so wenig berichte! Trotzdem freu ich mich natürlich immer über mails und lese auch alles sofort, was ankommt, nur die Antwort geht manchmal verschütt.

Am Vormittag von Allerseelen (hier ein Feiertag) hab ich mir die Zeit genommen, um auf den zentralen Friedhof der Stadt zu gehen. Leider hatte ich keine Kamera dabei und kann deshalb keine Fotos einstellen, was ich auf jeden Fall nachholen muss, denn es war beeindruckend!

Der zentrale Friedhof glich an diesem Tag eher einem Riesen-Rummel oder einer Kirmes; in den Straßen vor dem Eingangstor gab es wirklich alles zu kaufen, was man sich denken kann: von Blumenkränzen zum Schmücken der Gräber über Babykleidung, Batterien, Seife, Sonnenbrillen, Essen, Bier und Zigaretten bis zum Spielzeug. Aber auch innerhalb der Friedhofsmauern hatte das kein Ende, auf den großen Wegen hatten Händler alle möglichen Waren ausgebreitet, ganze Scharen von Familien hatten sich auf den Rändern der Gräber niedergelassen, um ihr mitgebrachtes oder gekauftes Mittagessen zu genießen, die drei Toiletten am Eingang wurden kaum genutzt, wozu gibt es schließlich stille Ecken zwischen den Gräbern, sodass der ganze Friedhof wenig Ehrwürdiges hatte, sondern oftmals der benachbarten Müllhalde glich. Ein riesen Gewusel auch dort, wo die Leute es sich nicht leisten konnten, für die Familie ein eigenes kleines Mausoleum zu bauen – einige davon sind echte Kunstwerke! – sondern die Toten in gemauerten Schächten überirdisch in sechs Stockwerken geschichtet liegen, wie bei uns in der Leichenhalle. Die obersten Gräber kann man nur mithilfe der brüchigen Leitern erreichen. Über den Friedhof verstreut gab es mehrere marillachis (?), mexikanische Gesangsgruppen, die von Grab zu Grab zogen und mit dem Hut rumgingen.

Der Friedhof liegt direkt an der städtischen Müllhalde, wohin ich dann auch noch einen Abstecher gemacht hab. Zugegeben – nicht mitten rein, aber man konnte vom Friedhofsrand in die riesigen Schluchten schauen, die nur aus gestapeltem Müll bestanden und riechen konnte man auch schon genug, um einen Eindruck zu bekommen. Weil Feiertag war, kamen nicht so viele Mülllastwagen an, aber auf jeden der wenigen stürmten gleich eine ganze Hand voll Menschen, darunter viele Frauen und Kinder in indígena-Trachten zu, um vielleicht noch was Verwertbares zu finden. Direkt daneben spielte eine Horde Jungen Fussball und Hunde balgten sich um die letzten Knochen, über denen ungelogen auch schon eine große Schar Aasgeier kreiste und ab und zu herabflog, um sich was herauszupicken.

Ein trister Anblick und immer wieder die Bestätigung, dass die Ziele des Projektes Ija’tz, den Ärmsten der Maya-Bevölkerung zu einem würdigeren Leben zu verhelfen, wichtig sind und Bildung einer der notwendigsten Schritte, um einen friedlichen Wandel in Guatemala zu bewirken. Vielleicht passiert es dann nicht mehr, dass der ehemalige Präsident Efrain Ríos Montt gerade unter den Indígena, die er zu Zeiten des Bürgerkriegs zu tausenden niedermetzeln ließ, heute den größten Teil seiner Gefolgschaft gerade unter der Maya-Bevölkerung findet.

Korruption

November 8, 2006 von edelkirsche

Guatemala gehört zu den 11 korruptesten Ländern Lateinamerikas. Die neuen Ergebnisse des Korruptions-Index, veröffentlicht von Transparency International, fallen zwar für Guatemala besser aus als noch in der letzten Studie (aufgestiegen von Platz 120 auf Platz 111 von insgesamt 163), aber dennoch liegt es zurück hinter Ländern wie Mexiko oder El Salvador. Am schlechtesten abgeschnitten hat übrigens Haití, top hingegen sind Finnland, Island und Neuseeland.

Unterernährung

November 8, 2006 von edelkirsche

In Guatemala sind 49 Prozent aller Kinder unter 5 Jahren unterernährt (3 Prozent mehr als noch vor 6 Jahren). Laut UNICEF leiden in Guatemala mehr als 800.000 Kinder unter chronischer Unterernährung und laufen Gefahr ernsthaft zu erkranken und zu sterben. Unter Kindern der indigenen Bevölkerung beläuft sich die Rate der Unterernährung auf 70 Prozent und bildet den dritthäufigsten Grund für Krankheit und Tod.

Kleinkinder zwischen 6 Monaten und 1 Jahr erhalten in ländlichen Gebieten nur 16 prozent der eigentlich notwendigen Kalorien, 35 Prozent der erforderlichen Proteine und 2 Prozent des empfohlenen Eisenanteils.

Cumpleaños feliz!

Oktober 21, 2006 von edelkirsche

Hallo an alle!

Die letzte Woche war sehr spannend, ich hab drei Hausbesuche bei Stipendiaten gemacht, hatte einen richtig freien Freitag den 13., dafür ein arbeitsreiches Wochenende und eine stressige erste Wochenhälfte und danach einen schönen Donnerstag, den 19.

Aber der Reihe nach:

Zusammen mit der Direktorin habe ich drei Stipendiatinnen und einen Stipendiaten zu Hause besucht, aller vier in der Hauptstadt bzw. im näheren Umkreis und in sehr verschiedenen Lebenssituationen: ein Mädchen, das allein hier in der Hauptstadt wohnt und sich auf die Uni vorbereitet, ein bescheidenes Zimmer gemietet hat, wofür der Grossteil ihres Geldes ausgegeben wird.

Zwei Stipendiatinnen, die in einem Vorort der Hauptstadt, mit dem Bus pro Strecke fast 2 Stunden, ein Häuschen gemietet haben, sehr günstig, aber eben weit weg und nicht ungefährlich.

Ein Stipendiat, der bei seiner alleinerziehenden Mutter wohnt und jeden Tag 4 bis 5 Stunden im Bus unterwegs ist, um zur Uni und wieder nach Hause zu kommen. Die Vororte, die oftmals reine Schlafstädte sind (die Leute arbeiten in der Hautpstadt und sind ewig mit dem Bus unterwegs), sind nicht ungefährlich: soziale Brennpunkte ohne eigene Infrastruktur (nur Wohnbocks, Kneipen und ab und an eine Kirche) oder Beschäftigungsmöglichkeiten für die Jugendlichen, die sich dort oft zu Banden zusammenschliessen. Mangelnde Bildung, Alkoholprobleme der Eltern, häusliche Gewalt. Der Stipendiat, den wir besucht haben, wurde allein im September fünfmal überfallen.

Drei von den vier Stipendiaten kommen aus schwierigen oder zerrütteten Familienverhältnissen: auf die Frage, ob denn ihr Vater, von dem wir wussten, dass er schon verstorben ist, zu Lebzeiten stolz auf sie gewesen sei, dass sie Abitur hat und jetzt sogar studiert, sagte eine Stipendiatin: „Ich glaube nicht, dass es meinen Vater, bevor er sich schliesslich zu Tode gesoffen hat, jemals interessiert hat, was ich mache oder was aus mir wird.“

Am Freitag, den 13., war dann mein erster richtig freier Tag: Jorge, Vorstandsmitglied, hatte mich eingeladen, mit ihm an die Küste zu fahren, weil er dort geschäftlich zu tun hatte. Auch wenn wir sechs Stunden im Auto verbracht haben, war es doch ein einmaliges Erlebnis zu sehen, wie sich die Landschaft so schnell verändert (leider hab ich mal wieder vergessen, meinen Foto-Apparat mitzunehmen): von den mächtigen Vulkanen, einer rauchte auch gerade ein bisschen, über von Flüssen durchzogene Landschaften (hier hat der Sturm Stan im letzten Jahr besonders schlimm getobt) bis hin zu den riesigen Zuckerrohrfeldern der Küste, die nicht mehr so idyllisch wirken, wenn man bedenkt, unter welchen Bedingungen die Menschen dort in Barracken zusammengepfercht während der Ernte arbeiten. Bis vor kurzer Zeit war die Zuckerernte auch ein grosses Beschäftigungsfeld für Kinderarbeit. Das hat sich auf internationalen Druck inzwischen etwas geändert, aber Kinderarbeit in Steinbrüchen und generell bei der Gewinnung von Baumaterialien ist durchaus üblich.

Am Donnerstag bin ich dann ganz früh aufgewacht, weil ich so aufgeregt war. Meine Nachbarn haben mir ein Geburtstagsständchen gebracht und mir – Socken – geschenkt. Manche Sachen sind halt echt international. Auf der Arbeit erwarteten mich schon eine Menge mails (DANKESCHÖN) und ein riesiger Strauss roter Rosen von meinem Schatz. Asserdem ich Päckchen mit Grundnahrungsmitteln (drei Tafeln!) und Fotos, von denen ihr bald einige hier sehen könnt.

Von meinen Arbeitskollegen hab ich einen hübschen roten Poncho, eine Kette, Ohrringe und Armbänder bekommen. Am Mittag gab es dann, wie immer, wenn jemand Geburtstag hat, ein Mittagessen für das Team und den Vorstand, mit lecker Guacamole, Bohnen, Käse, Tortillas und – Kuchen.
Also ein sehr schöner Geburtstag mit vielen Überraschungen und mit den Menschen, die ich hier in so kurzer Zeit schon ins Herz geschlossen hab und mit lieben Botschaften von allen Zuhause Geliebenen.

Zum Tag der Deutschen Einheit…

Oktober 11, 2006 von edelkirsche

muss man hier in Guatemala offensichtlich eine Blaskapelle (Guatemalteken in Lederhosen) bemühen, um die deutsche Gemeinde in der Residenz des Botschafters zu versammeln. Der Empfang am Dienstag, den 3. Oktober, war unspektakulärer als gedacht und erhofft, erwähnenswert nur der leckere Wein und die Käseplatten. Auch die Aussicht hoch oben über der Stadt auf den See Amatitlan war beeindruckend. Ansonsten war ich ganz froh, zurück im Büro, die Absatzschuhe wieder in die Tüte packen zu können.

Der Rest der Woche gibt leider fast ebensowenig für meinen Bericht her, ich bin immer noch fleissig am Weihnachtskarten basteln, darüber hinaus aber am Rotieren, um Kooperationspartner zu finden, die vielleicht einen Teil unseres Bildungsprogramms für die Stipendiaten im Jahr 2007 bezahlen.

Wir sind am Planen der Hausbesuche, bei denen alle Stipendiaten, gute 50, in ihren Familien besucht werden. Ausserdem sind Gespräche mit ihren Lehrern, Gemeindepfarrern, Vertrauensfreunden und anderen nahen Personen angesetzt. Wahrscheinlich wird diese quer-durchs-Land-Tour im Frühling stattfinden und ich freue mich sehr, mal was anderes als die Hauptstadt zu sehen und die Lebensbedingungen unserer Stipendiaten besser kennenzulernen.

Am Sonntag war ich zu Besuch in der deutschen evangelischen Gemeinde hier in der Hauptstadt. Unglaublich, dass es tatsächlich einen deutschen Pfarrer gibt, der mit seiner Familie hier lebt, um Gemeinde zu gestalten. Die Gemeinde ist allerdings grösstenteils jenseits der 60 und wird wohl nicht zu meiner zweiten Heimat werden.

Das nächste vorhersehbare Highlight liegt leider noch in einiger Ferne: am 19. Oktober gibt es ein Mittagessen hier im Projekt anlässlich zweier Geburtstage in unserem Team. Diese Versammlungen sind immer sehr heiter, ausserdem backt meine superliebe Nachbarin und quasi Gastmutti traumhaft leckeren Kuchen…

Der 20. Oktober ist Feiertag und vor mir liegt dann also ein langes Wochenende, auf das ich mich jetzt schon freue und an dem ich endlich mal so richtig feiern gehen will, denn vom guatemaltekischen Nachtleben hab ich noch nicht viel gesehen und 60-Stunden-Wochen fordern ja schliesslich auch einen Ausgleich ;-)

Vielleicht noch ein paar Worte zur Situation hier im Land:

von verschiedenen Seiten heisst es, dass es in den vergangenen Monaten eine drastische Gewaltzunahme gegeben hat und dass sich der Staat quasi im Dauerausnahmezustand befindet.

Morde an Busfahrern, die sich weigern, ihre Schutzgebühr zu bezahlen, sind an der Tagesordnung, ebenso bandeninterne Kämpfe um Drogen und Macht. Vor zwei Wochen sind am Flughafen La Aurora hier in der Hauptstadt 8 Millionen US-Dollar gestohlen worden, Geld, dass von guatemaltekischen Banken an eine US-Bank geschickt werden sollte.

Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Verdächtigen und Festgenommenen, einige Tote, die die Polizei umgebracht hat, bevor man feststellen konnte, ob sie überhaupt in die Tat verwickelt waren – soziale Säuberung heisst das hier und ist ebenso alltäglich.

Gleichzeitig laufen die Wahlkampfmaschinerien heiss – für das Wahljahr 2007 wird die Bevölkerung schon jetzt über Plakate, Annoncen und Fernsehwerbung mit schlechten Slogans bombardiert. Wen sie wählen sollen, wissen aber immer noch die wenigsten, schliesslich treten viele Parteien zum ersten Mal an oder haben ihr Programm komplett geändert. Ändern werden sie es auf jeden Fall erneut, wenn sie an die Macht gelangen sollten, denn dann werden aus all den Versprechen für mehr Arbeitsplätze, mehr Sicherheit, bessere Gesundheitssysteme und Bildung für alle doch nur Aktionen, die die eigene Tasche füllen.

Umso wichtiger scheint es mir, neben fachlichen Kompetenzen unseren Stipendiaten auch soziale und politische Verantwortung mitzugeben und den Willen, sich einzumischen.

Denn sich von der Politik abzuwenden, weil sie ja sowieso korrupt ist, ist zwar eine angesichts der Erfahrungen verständliche, dennoch aber keine kluge Reaktion. Wie soll sich die Situation des Landes ändern, wenn die Entscheidungsträger und politischen Eliten immer noch dieselben sind wie vor Jahren und Jahrzehnten. Wie können wir etwas verändern, wenn unsere Stipendiaten zwar für das Gemeinwohl arbeiten wollen und Menschen mit christlichen Werten sind, sich aber aus den grossen Entscheidungen heraushalten, ihre demokratischen Rechte nicht einfordern und ihre demokratischen Pflichten nicht wahrnehmen?

Eichsfelder Schmandkuchen und andere Abenteuer

September 30, 2006 von edelkirsche

Hallo zusammen, macht euch auf einen langen Bericht gefasst, machts euch bequem, holt euch was zu trinken, ein paar Snacks und nehmt euch am besten einen Tag frei ;-)

Ich werde versuchen, die wichtigsten Ereignisse der letzten anderthalb Wochen möglichst spannend zusammenzufassen. Alles begann am 15. September…

…dem Nationalfeiertag der guatemaltekischen Unabhängigkeit von den Spaniern 1821. Meine Nachbarfamilie hatte mich mit ins Zentrum genommen, um die grossen Paraden der verschiedenen Schulen und Institutionen des Landes zu Ehren des Vaterlandes anzusehen, darunter auch die Schule meines 19-jährigen Gastbruders. Ein e reine Jungenschule übrigens und ihre Parade war krass militärisch. Mit Pauken, Trompeten, hübschen Uniformen, Stechschritt und Säbelpräsentieren! Für uns Deutsche hat das ja immer einen ganz komischen Beigeschmack, dieses ganze Fahne verehren und Sterben fürs Vaterland. Auf jeden Fall wars spannend und beeindruckend, wie die Jungs in der Hitze und mit den Uniformen bis zu 10 Stunden marschieren, ohne zu essen und nur mit ein paar Spritzern Wasser ab und zu.

Ab samstag hab ich dann für eine gute Woche im Projekt gelebt. Wir wollen vom Projekt aus Weihnachtskarten basteln und nach Deutschland schicken, damit sie auf Schul- und Adventsbasaren verkauft werden können. Das bringt uns erstens Geld, und zweitens, und noch viel wichtiger, Öffentlichkeit. Und da ich ja die Zuständige für die Öffentlichkeitsarbeit bin, trafs mich also auch mit den Weihnachtskarten. Hat die ersten 24 Stunden auch wirklich super Spass gemacht, bis sich dann die ersten Blasen an meinen Fingern bildeten. Leider waren mir nicht alle guatemaltekischen Stipendiaten, die an diesem Wochenende im Projekt übernachteten, weil wir verpflichtendes Bildungsveranstaltungswochenende hatten, eine Hilfe, teilweise musste ich die Karten nachschneiden und hab mit Schönheitsreparaturen mehr Zeit verbracht, als wenn ichs gleich allein gemacht hätte.

Am Sonntag, den 17., kam dann eine deutsche Freiwillige, die nach ihrem Abi jetzt ein Jahr hier in Guatemala arbeiten möchte – aber noch kein Wort Spanisch konnte. Das hiess für mich: eine Woche lang übernachten im Projekt und rund um die Uhr Ansprechpartner für das Mädchen sein, hat mir auch wieder super Spass gemacht, aber schlaucht auf Dauer doch, wenn man an seinem Arbeitsplatz wohnt, weil man nie vom PC wegkommt und wenn doch, dann nicht allein ist und mal Luft holen kann. Blöderweise hatte kurz vor der Ankunft des Mädchens auch noch ihr Projekt, in dem sie arbeiten sollte, abgesagt und wir mussten auf die Schnelle was anderes finden. Wie gut, dass unsere neue Direktorin bis vor kurzem in einem Hospiz für hiv-infizierte Kinder gearbeitet hat, das recht nah an der Hauptstadt (20 km, d. H. eine gute Stunde Fahrt) liegt. Ich kannte die Einrichtung schon und wir sind dann mit der Deutschen dorthin gefahren. Das Hospiz San José betreut hiv-infizierte Waisenkinder, das jüngste Kind ist gerade mal 2 Monate (!), das älteste 14 Jahre alt. Als ich das erste Mal dort zu Besuch war, habe ich einen ganz traurigen Ort erwartet, kranke, magere Kinder mit traurigen Augen, lieblose Krankenschwestern, triste, kahle Räume, eben Krankheit und Tod.

Als ich dann aber mit meiner Chefin, die dort bis vor kurzem als Psychologin gearbeitet hat, durch das Tor eintrat, kam eine Horde von Kindern angerannt und sprangen meiner Chefin um den Hals und riefen ¡Olgita, Olgita! (Die Verniedlichungsform von Olga) und danach haben sie mich umarmt und schwupp hatte ich an jeder Hand ein Kind und alle erzählten und redeten durcheinander wie in einem ganz normalen Kindergarten. Die Räume der Kinder sind bunt, mit vielen Bildern an den Wänden, mit hübschen Spielsachen und liebevoll gestaltet. Die Mitarbeiter sind nett, aufgeschlossen, es herrscht ein Trubel in der ganzen Anlage wie in einem Freizeitpark. Das verleitet einen schnell dazu, zu verdrängen, warum diese Kinder hier sind und wie sehr ihr Leben und Sterben durch die Krankheit vorbestimmt ist.

Das alles holt einen eiskalt ein, wenn man ein Stückchen weiter blickt, wo auf einigen Stühlen Erwachsene sitzen, die auch zur ambulanten Behandlung vorbeikommen und die sichtlich ausgezehrt sind. Oder wenn man das Krankenzimmer betritt, in dem ein Mädchen liegt, das so mager und bleich aussieht, das man nicht glaubt, das es je wieder auf seinen eigenen Beinen stehen kann. Dass an einem Ort so viel Lebensfreude und so viel Krankheit und Schmerz gleichzeitig sein können, hat mich umgeworfen und ich habe einen riesen Respekt vor den Menschen, die dort täglich arbeiten, die versuchen, den Kindern ein glückliches Leben zu ermöglichen und ihnen den Weg des Sterbens ein Stück leichter zu machen.

Am Donnerstag nachmittag bin ich dann etwas früher nach Hause gegangen und hab die zwei deutschen Mädels, die gerade im Projekt waren, mitgenommen. Wir waren einkaufen und wollten für den nächsten Tag für die Arbeit einen typischen Eichsfelder Schmandkuchen backen, was sich aber als schwierig herausstellte. Im Supermarkt auf der Suche nach Gries wurde ich zum Babybreiregal geschickt – und, da es tatsächlich keinen Gries gab, vertraue ich euch an, dass man Kuchen auch mit Babybreianrührpulver backen kann. Und mit Frischkäse statt Quark – schliesslich kannte hier keiner das Original und wusste, wie es hätte schmecken sollen. Für die anderen war der Kuchen also ok, für mich ne Enttäuschung. (Genauso wie neulich, als ich in einer Apotheke (!) Kinderschokolade entdeckt hab. Sie war mindestens viermal so teuer wie in Deutschland, aber da ich ja so ne Naschkatze bin und guatemaltekische Schokolade ein Horrortrip der Geschmackssinne ist, hab ichs mir mal gegönnt. Und dann der Moment: das Papier abwickeln, die Augen schliessen, die erste Milchkammer abbeissen und – entdecken, dass die blöde Schokolade nur entfernt wie Kinderschokolade schmeckt, weil sie nämlich in Columbien produziert wurde, gggrrhhhh.)

Am Samstag abend bin ich mit der deutschen Freiwilligen und meiner Chefin und ihrem Ehemann (beides Psychologen) raus nach El Tejar (eine Stunde von der Hauptstadt) gefahren. Die beiden Psychologen geben dort einmal im Monat samstags abends eine Art Ehe- und Familienkurs. Da sassen wir zwei Mädels dann also mit fünf jungen Ehepaaren im Pfarrsaal der Kirchengemeinde und sprachen über Werte. Was ist ein Wert und welche Werte hat unser Partner, die wir an ihm besonders bewundern? Die Ehepaare sprachen erst untereinander darüber und sollten dann im Plenum sagen, was sie an ihrem Partner sehr schätzen. Dabei sind mir mehrere Sachen aufgefallen: ein Paar, beide noch keine Mittzwanziger, mit zwei kleinen süssen Mädchen, haben sich die ganze Zeit so verliebt angeschaut und konnten gar nicht aufhören, zu erzählen, wie toll doch der Partner ist, wie lieb mit den Kindern, wie verantwortungsbewusst, wie geduldig, sie gerieten fast in Streit darüber, wer denn nun geduldiger ist, weil jeder es dem anderen zuschob. Vielleicht kommt das daher, dass die Paare hier sehr schnell heiraten. Man ist ein Jahr lang zusammen, dann heiratet man und ein Jahr später ist man normalerweise schon zu dritt. Die Paare haben also vor der Hochzeit oft nicht viel Zeit, sich richtig kennenzulernen. Im besten Fall heisst das, dass es lange Zeit noch viel zu entdecken gibt und die Verliebtheit lange anhält. Im schlechtesten Fall – so ein Paar war auch da – ist man so schnell in Alltag, Arbeiten, die Familie über Wasser halten und Kindergeschrei versunken, dass man den Partner völlig aus den Augen verliert. Diesem Paar fiel es sichtlich schwer, sich in die Augen zu schauen oder zu sagen, was sie am anderen schätzen.

Am Ende der Runde konnte dann jeder sagen, was er gelernt hat und ich wurde gefragt, ob ich den Paaren noch einen Tip mit auf den Weg geben möchte. Der Mann meiner Chefin piesackt mich immer, dass ich schüchtern wäre und da wollte er mich mal aus der Reserve locken… Eiskalt erwischt!

Ich hab dann erzählt, dass ich schon ganz lange mit meinem Freund zusammen bin (fünfeinhalb Jahre ohne zu heiraten sind hier eine Ewigkeit, der Kommentar meines Gastvaters aus der Familie in dem Dorf, in dem ich einige Tage gelebt habe, war, „der heiratet dich doch nie, wenn er dich so lange hat warten lassen!“) und dass es uns trotzdem nie langweilig miteinander wird, weil wir immer noch neue Sachen aneinander entdecken, weil er mich immer noch überrascht, weil ich immer noch neugierig auf ihn bin und immer noch das Gefühl habe, erst so wenig von diesem faszinierenden Menschen kennengelernt zu haben…

Nach einer Woche hiess es dann am Sonntag erstmal Abschied von der deutschen Freiwilligen nehmen, da sie jetzt für drei Wochen einen Sprachkurs macht. Als ich dann mittags nach Hause kam, war meine Nachbarfamilie, die ja die andere Hälfte vom Doppelhaus bewohnt und von ihrer Küche quasi in mein Schlafzimmer blickt, gerade am Kochen und die Kinder, die Tochter María Pilar (23) und der Sohn Miguel (19) hatten noch zwei Freunde eingeladen und so sassen wir dann mittags alle auf der Terasse mit lecker Hühnchen, Kartoffelbrei, Tortillas, Guacamole (Avocado-Dip, lecker!) und Limettensaft.

Diese Woche wars dann etwas ruhiger, sodass sich der Stapel Arbeit auf meinem Schreibtisch ein bisschen gelichtet hat und ich vielleicht endlich dazu komme, die grundsätzlichen Sachen anzupacken, wie zum Beispiel, die Homepage des Projekts grundlegend neu zu strukturieren (dazu muss ich natürlich erstmal den Kampf mit dem Homepageprogramm gewinnen – schon blöd, wenn man sich in solchen Dingen bisher immer auf den Freund verlassen hat…)

Gestern hab ich unerwartet etwas Sehnsucht nach Deutschland gekriegt; wir waren auf einer Veranstaltung von der Konrad-Adenauer-Stiftung hier in Guatemala und es gab Brezeln und Würstchen und Pralinen, seufz. Von so ungewohntem Essen hatte ich dann die ganze Nacht Bauchschmerzen! Vielleicht bleib ich doch lieber bei Müsli und Tortillas mit Bohnen…

Heute abend muss ich mal wieder zum Flughafen, es kommt eine neue deutsche Freiwillige, die bis Sonntag mit mir im Projekt übernachten wird und dann zur Sprachschule geht, und danach ihre Arbeit anfängt. Gerade sitz ich also noch ganz allein im Büro, es ist halb neun abends, draussen ist es schon lange dunkel, aber von meinem Schreibtisch sieht man die Lichter der riesen Brauereianlage des meist verkauften guatemaltekischen Biers, Gallo. Ich werd jetzt noch etwas Zeitung lesen und für diejenigen von euch, die Guatemala-interessiert sind (hoffentlich alle ;-) ), werde ich ab jetzt auch regelmässig einen Lagebericht zu den aktuellen Themen hier im Land einstellen (rechts oben unter Pages, z.B. über das Bildungssystem und den Rechtsstaat). Über Antworten freu ich mich natürlich auch immer!

 

Soweit für heute, Grüsse aus Guate

Nicole

Strassenverkehr

September 12, 2006 von edelkirsche

Nachdem ich jetzt einige Male mit dem Bus in mein neues Zuhause gefahren bin, finde ich immer noch oder wahrscheinlich gerade, dass es schon was für sich hatte, am Arbeitsplatz zu wohnen. Nicht, weil der Weg in meine neue Wohnung teuer wäre (1 Quetzal, also 10 Cent pro Strecke), sondern weil das mit dem Busfahren hier so ’ne Sache ist:

Zunächst mal gibt es keine Haltestellen und wenn man nicht genau weiß, welche Linie man nehmen muss, und wo die geheimen Haltestellen sind, dann hat man Pech gehabt.

Aber auch wenn man dann am richtigen Fleck steht, mit der Münze in der Hand, denn es ist nicht ratsam, auf offener Straße oder im vollen Bus das Portemonnaie zu zücken, dann heißt es auch lange nicht, dass der Bus einen auch mitnimmt. Sei es, dass er so voll ist, dass die Leute ungelogen mit einem Fuss auf der Treppe zu viert draussen am Eingang an Haltegriffen hängen, oder, dass er einfach kein Lust hat, anzuhalten (was mir auch schon öfter passiert ist).

Aber normalerweise sind die Busse bestrebt, so viele Leute wie möglich mitzunehmen, weil es Privatunternehmen sind, die versuchen, sich gegenseitig die Kundschaft ,,abzurasen’’.

Mit Sitzplätzen siehts also schlecht aus, auch wenn ich jeden Morgen die Zeitung in der Hoffnung einstecke, doch mal auf dem Weg zur Arbeit zum Lesen zu kommen. Mit dem Aussteigen ist es manchmal nicht weniger kompliziert, denn erstens muss man als Orientierungsgenie rausfinden, wo man aussteigen will, weil am Anfang alle Straßen gleich aussehen. Dann hat man aber noch den langen Weg durch die Menschenmassen bis zum Ausgang vor sich und das bei holpriger Fahrt… Da bleibt es nicht aus, dass manche Guatemalteken einen böse angucken und den Kopf über die ,,Gringos“ (Schimpfwort für Amis; ich wird auch ständig auf Englisch angequatscht, ob ich nicht cocaine kaufen möchte…) schütteln.

Aber sobald man sagt, dass man Deutsche ist, sind die Leute etwas offener oder schalten zumindest ihren Vorurteilsschalter im Kopf auf ,,deutsch“ um, da hört man dann so Sachen wie: Und, wie findest du Adolf Hitler? (Auch Judenwitze sind hier nicht politisch inkorrekt, aber deutsche Touristen reagieren natürlich immer voll verstört.)

Auf jeden Fall ist Busfahren immer noch angenehmer als zu Fuß laufen, denn als Frau mit blauen Augen und heller Haut bin ich hier eine heiß begehrte Exotin und ich bin ganz froh, dass mein Vokabular bis jetzt nur dazu reicht, die relativ höflichen Sachen zu verstehen, die mir so am laufenden Band auf der Straße hinterhergerufen werden. Es gibt aber auch immer wieder sehr nette Menschen, die mich anlächeln, grüßen, oder mir helfen, wenn ich mich (mal wieder) verlaufen hab.

Etwas, was auch unter dieser Rubrik erwähnt werden muss, sind die vielen Menschen, die an den Straßen arbeiten. Einige verkaufen Zeitungen, Lottolose, Rosen, Kaugummis oder sonstigen Kleinkram, es gibt aber auch sehr viele, vor allem Kinder, die nachts, wenn die Autos an roten Ampeln stehen (sofern sie halten…), Feuerspucken, jonglieren oder Pyramiden bauen und damit ein paar Cent verdienen. Dieses Bild ist mir schon aus Ecuador bekannt, aber diesen Kindern in die Augen zu schauen und zu wissen, dass sie nicht alt werden, weil sie den ganzen Tag in diesen ekelhaften Abgasen stehen, bzw. irgendein Billiggebräu zum Feuerspucken benutzen, ist hart. Was tun? Geld geben? Dann werden sie diesen Beruf ewig weitermachen, weil er einträglich ist. Nichts geben? Sie werden trotzdem bleiben, weil sie keine Alternative haben. Die wenigen Projekte, die es für Kinder gibt, reichen bei weitem nicht, um etwas zu verändern.

Diesem beklemmenden Gefühl, dass hier einfach alles nicht zusammenpasst, kann man in Guatemala nicht entfliehen, überall wird man bei den schönsten Begebenheiten mit der Armut und Gewalt konfrontiert: sei es, dass im paradiesisch schönen Schwesternhaus am Atitlan abends scharf gemachte Hunde auf das Gelände gelassen werden und niemand mehr aus dem Haus darf; sei es, dass man im schicken Familienwagen eines Vorstandsmitglieds durch die Straßen braust, um sich mit der Familie einen schönen Tag zu machen (was so viel heißt wie im riesigen Einkaufszentrum bei MacDonalds essen gehen und danach noch Kino), während irgendwo in der gleichen Stadt am Morgen eine ganze Familie erschossen wurde, weil sie das Schutzgeld für ihren kleinen Tante-Emma-Laden nicht an die Jugendbanden, die hier ihr Unheil treiben, bezahlen wollten.

Das Projekt Samenkorn

August 30, 2006 von edelkirsche

Auf den Fotos seht ihr unser Team und Stipendiaten beim Legen eines Blumenteppichs (Klicken zum Vergrößern)

ijatz1.jpg Teppichlegen