endlich mal wieder Neuigkeiten aus Guatemala? – Ja, und zwar jede Menge:
Ich hatte eine gute Woche lang zwei deutsche Freiwillige zu betreuen, die auch Gäste in meinem Haus waren. Das heißt, dass nach der Arbeit nicht viel Zeit blieb, um mails oder den blog zu schreiben, weil wir abends immer ordentlich einkaufen gegangen sind und danach großes Kochen anstand. Pizza, Eierkuchen, aber vor allem platanos, mein neues Lieblingsessen. Platanos sind Kochbananen, die man mit Zimt eine halbe Stunde in Wasser kocht, bis sie richtig weich sind. Erst dann werden sie geschält und in Scheiben geschnitten, mit Zucker, Zimt und Crema, einer Mischung aus Schmand und Sahne, bedeckt. Supersüß und superlecker.
Am Wochenende, 28. 10, hatten wir außerdem Veranstaltung im Projekt, das letzte Zusammentreffen aller Stipendiaten vor den Ferien. Bis Januar gibt es nun keine Bildungsveranstaltungen mehr, dennoch ist an einigen Wochenenden noch gut was los. Nächstes Wochenende zum Beispiel ist das Auswahlverfahren für die Bewerber, insgesamt ungefähr dreißig auf ca. zehn Plätze. Es gibt Diskussionsrunden, Gruppenspiele, Besinnliches, Auswahlgespräche, gemütliches Beisammensein und eine Messe. In diesen zwei Tagen nehmen wir die Jugendlichen – die meisten bewerben sich für eine Förderung ihres Abiturs und sind etwa 17 Jahre alt, die Bewerber für die Uni um die 20 – unter die Lupe, schauen, wie sie sich in der Gruppe verhalten, ob sie teamfähig sind, soziale Kompetenzen haben, zusammen Konflikte lösen können. In den Auswahlgesprächen, die immer ein Mitarbeiter oder Vorstandsmitglied des Projekts mit zwei Jugendlichen durchführt, gibt es verschiedene Themenbereiche, zu denen wir mit den Jugendlichen diskutieren wollen. Dazu gehören Politik, Gesellschaft, Religion und Spiritualität und soziales Verantwortungsbewußtsein. Ich bin sehr stolz, dass ich auch Auswahlgespräche führen darf. Jeder Jugendliche hat Gespräche mit zwei Mitarbeitern des Projekt, damit ein subjektiver Eindruck nicht allein entscheidet. Außerdem wird das Gesamtverhalten der Bewerber während des ganzen Wochenendes berücksichtigt. Ich bin jedenfalls schon sehr aufgeregt und mitten in den Vorbereitungen. Gerade sitze ich in meiner Küche und höre nebenbei eine Kassette mit Taizé-Gesängen für das Abendgebet. Außerdem bin ich am Förderanträge schreiben, damit wir für das nächste Jahr finanzielle Unterstützung für das Bildungsprogramm haben. Zwischendurch bin ich immer wieder mal am Besorgungen machen, weil wir bald Schmuck und andere typisch guatemaltekische Sachen nach Deutschland für die Weihnachtsbasare verschicken. Mein Arbeitstag fängt um kurz nach 7 Uhr an und hört in den letzten Tagen schon 17:15 auf, weil mich dann meine Chefin ein Stück mitnimmt und mich an einem großen Busumsteigeplatz aussteigen lässt. Denn durch die Uhrumstellung wird es jetzt schon früher dunkel und es ist ratsam, nach 18:00 Uhr nicht mehr mit dem Bus zu fahren. Das heisst, dass sich meine Arbeitswoche teils auch auf den Sonntag ausdehnt oder ich die Nächte im Projekt verbringe, um länger arbeiten zu können.
Aber meine Ferien sind in Sicht: am 14. Dezember lasse ich das Projekt Projekt sein und genieße die Zeit mit Matthias. Bis dahin heißt es durchpowern und für euch: nicht böse sein, dass ich so wenig berichte! Trotzdem freu ich mich natürlich immer über mails und lese auch alles sofort, was ankommt, nur die Antwort geht manchmal verschütt.
Am Vormittag von Allerseelen (hier ein Feiertag) hab ich mir die Zeit genommen, um auf den zentralen Friedhof der Stadt zu gehen. Leider hatte ich keine Kamera dabei und kann deshalb keine Fotos einstellen, was ich auf jeden Fall nachholen muss, denn es war beeindruckend!
Der zentrale Friedhof glich an diesem Tag eher einem Riesen-Rummel oder einer Kirmes; in den Straßen vor dem Eingangstor gab es wirklich alles zu kaufen, was man sich denken kann: von Blumenkränzen zum Schmücken der Gräber über Babykleidung, Batterien, Seife, Sonnenbrillen, Essen, Bier und Zigaretten bis zum Spielzeug. Aber auch innerhalb der Friedhofsmauern hatte das kein Ende, auf den großen Wegen hatten Händler alle möglichen Waren ausgebreitet, ganze Scharen von Familien hatten sich auf den Rändern der Gräber niedergelassen, um ihr mitgebrachtes oder gekauftes Mittagessen zu genießen, die drei Toiletten am Eingang wurden kaum genutzt, wozu gibt es schließlich stille Ecken zwischen den Gräbern, sodass der ganze Friedhof wenig Ehrwürdiges hatte, sondern oftmals der benachbarten Müllhalde glich. Ein riesen Gewusel auch dort, wo die Leute es sich nicht leisten konnten, für die Familie ein eigenes kleines Mausoleum zu bauen – einige davon sind echte Kunstwerke! – sondern die Toten in gemauerten Schächten überirdisch in sechs Stockwerken geschichtet liegen, wie bei uns in der Leichenhalle. Die obersten Gräber kann man nur mithilfe der brüchigen Leitern erreichen. Über den Friedhof verstreut gab es mehrere marillachis (?), mexikanische Gesangsgruppen, die von Grab zu Grab zogen und mit dem Hut rumgingen.
Der Friedhof liegt direkt an der städtischen Müllhalde, wohin ich dann auch noch einen Abstecher gemacht hab. Zugegeben – nicht mitten rein, aber man konnte vom Friedhofsrand in die riesigen Schluchten schauen, die nur aus gestapeltem Müll bestanden und riechen konnte man auch schon genug, um einen Eindruck zu bekommen. Weil Feiertag war, kamen nicht so viele Mülllastwagen an, aber auf jeden der wenigen stürmten gleich eine ganze Hand voll Menschen, darunter viele Frauen und Kinder in indígena-Trachten zu, um vielleicht noch was Verwertbares zu finden. Direkt daneben spielte eine Horde Jungen Fussball und Hunde balgten sich um die letzten Knochen, über denen ungelogen auch schon eine große Schar Aasgeier kreiste und ab und zu herabflog, um sich was herauszupicken.
Ein trister Anblick und immer wieder die Bestätigung, dass die Ziele des Projektes Ija’tz, den Ärmsten der Maya-Bevölkerung zu einem würdigeren Leben zu verhelfen, wichtig sind und Bildung einer der notwendigsten Schritte, um einen friedlichen Wandel in Guatemala zu bewirken. Vielleicht passiert es dann nicht mehr, dass der ehemalige Präsident Efrain Ríos Montt gerade unter den Indígena, die er zu Zeiten des Bürgerkriegs zu tausenden niedermetzeln ließ, heute den größten Teil seiner Gefolgschaft gerade unter der Maya-Bevölkerung findet.